Prolog:

Der Große Dreesch - die alte Hood

Herrentag - Zeit in die Heimat zu fahren. In das Dorf, in dem man den Großteil seiner Jugend aufgewachsen ist. In die Stadt, in die man ab der 3. Klasse zur Schule ging, auf den Straßen auf denen man in jungen Jahren Auto fahren gelernt hat. Vorbei an den Häusern in denen die Freunde wohnten oder hinzogen. Fahrradfahren mit denen die dageblieben, zurückgekommen oder zu Besuch sind. Ran an den See, grillen, trinken, quatschen.



Ein visueller Gedächtnis-Rundgang

So ist das auf dem Dorf. Aber wie viele Dorfkinder, wohnte ich im ersten Teil meiner Kindheit in der Stadt. Genauer gesagt in Schwerin - einzige Landeshauptstadt, die keine Großstadt ist, kann man sich gut merken. Schwerin, viele kennen das Schloss, die wunderschöne Altstadt, die Seen, die Alte Münze, den Freischütz, die vielen alten Leute und dann gibt es noch: den Großen Dreesch.

Früher der Stadtteil, in dem alle wohnen wollten. Neubauten, Heizung, Toiletten in den Wohnungen - oh Altbau, du kannst so hässlich sein, früher in den Neunzigern. Ich wohnte von 0–8 Jahren auf dem Großen Dreesch. Hier “mein” Block, da der Kindergarten, weiter runter die Schule, auf der anderen Seite der Kinderarzt, Pardon, Poliklinik. Das war die Hood. Das war cool. Kindheit, Heimat.

Am Freitag nach Herrentag bin ich mal wieder hingefahren. Schauen was sich so verändert hat nach der langen Zeit. Nicht im wunderschönen Zentrum Schwerins, sondern hier: dem Großen Dreesch.

 

Mein Block

“Mein” Block steht nicht mehr. Wiese. Der Innenhof ist kein Hof mehr, die Wege zu den nicht mehr vorhandenen Hauseingängen sind verschwunden. Es erinnert nichts mehr daran. Ich stehe vor dem nur noch im Kopf existierenden Hausaufgang und lasse die Blicke um mich schweifen.

Blick nach links: Der Block ist weg. Blick nach rechts: Dieser Block steht. Blick geradeaus: der da hinten ebenfalls noch. Wenn ich nun meine Augen schließe, mich in die Vergangenheit projiziere, so müsste ich jetzt auf eine weiße Tür blicken, 10 Klingelschilder, 10 Briefkästen und wäre nicht in der Lage, diesen Block dahinter zu sehen. Ich könnte mir nun auch vorstellen wieder im 4. Stock in der Hausnummer 15 auf dem Balkon zu stehen und hinunter in den Innenhof zu blicken und es wäre irgendwie wie immer. Irgendwie vielleicht aber auch nicht.

Ich gehe zurück auf den Bürgersteig, einmal um die Ecke, um den Block herum, der gar nicht mehr existiert und mir fällt auf, wie kurz dieser Weg heute wirkt, immer noch benebelt von den Erinnerungen der Kindheit, in der die Schritte klein und die Wege einem lang vorkamen.

Der Innenhof ist nun Wiese

Keine Aufgänge, nur Gras

Ich drehe mich um. Hinter mir erscheint abgesenkt der große Parkplatz. Er ist fast leer. Vielleicht sind alle arbeiten, denke ich mir und im gleichen Moment sage ich zu mir selbst: “Das ja quatsch, hier wohnt einfach niemand mehr.“ Der Blick schweift zu den Häusern am anderen Ende. Viele Wohnungen scheinen leer zu sein. Zumindest wirkt es von hier so. Die Fenster tot, keine Gardinen. Ich weiß, dass viele Leute keine Gardinen mehr haben, Vorhänge reichen, aber nicht hier. Es scheint mir ein guter Indikator zu sein, um zu erahnen, ob hinter den Doppelglasfenstern noch leben herrscht oder nicht. Ich denke an meine Wohnung in Berlin. Wirkt meine auch tot von außen? Ich hoffe nicht. Aber hier transportiert schon die Fassade der Wohnblöcke eine Stimmung, die auch hinter den Wänden herrschen muss. Klischee - ich weiß.

Dieser Parkplatz. Ich erinnere mich daran, als einmal der Rettungshubschrauber hier landete und alle Kinder hin stürmten, um zu sehen, was los sei. Wie ich beim Fahrradfahren lernen, ein parkendes Auto angefahren habe, erinnere mich daran, wie man mitten in der Nacht ins Auto stieg, um in den Herbstferien Richtung Dänemark zu fahren - oft, sehr oft. Ob heute jemand den Hubschrauber überhaupt wahrnehmen würde, oder einer von hier in den Urlaub aufbricht, ich weiß es nicht.

Blick zum Block

Einmal rüber über den Platz

Ich schlendere quer über den Parkplatz, auf den nächsten Innenhof zu. Vorbei an der Rückseite meines ehemaligen Kindergartens. Wieder Wiese. Nix. Ich stelle mir Silhouetten-artig die Laufbahn auf dem Gelände vor die es hier gab. Den Hügel zum Spielen, den Sandkasten, die Gebäude, der Zaun der hier Stand, der Seiteneingang der dort war.

Der Sandkasten ist weg. Also eigentlich alles ist weg. Also nicht nur eigentlich. Irgendwo war doch hier auch das Schwimmbecken, überlege ich. Ach, der Kindergarten - ich erinnere mich an das Kinderfest, auf dem man sich ein Ohrloch stechen lassen konnte, ohne die Eltern vorher um Erlaubnis zu fragen. Zack, getan. An einen verregneten Nachmittag, an dem wir unsere Erzieherin so lange geärgert haben, bis wir endlich raus durften. An den Kuss an Jacqueline auf der Rutsche - ich glaube, sie kam aus Nigeria, oder irgendwas, was früher weit weg bedeutete, an die Früh- und Spät-Gruppe und den Mittagsschlaf. Wieso erinnert man sich an so was? Und wie viel stimmt davon eigentlich?

Der Kindergarten - Wiese

Es geht weiter zum Berliner Platz – früher war hier immer Markt – Baustelle. Wird gerade saniert. Ich fühle mich an Trabantenstädte erinnert. Osteuropa, Nordkorea. Künstlich angelegte Städte, die dafür gebaut sind sie alsbald mit Leben zu füllen - hier zieht das Leben scheinbar gerade aus. Menschen sind kaum zu sehen. Ich gehe an der Kaufhalle mit dem KiK und t€di vorbei, in der früher mal der Hit-Non-Foodmarkt war. Als Kind habe ich nie verstanden was das eigentlich heißen soll. Aber ich habe auch bis 6 oder 7 Jahren nicht verstanden, warum die Lottozahlen “immer ohne Gewähr” waren. Es war doch logisch, dass es keine Waffen dazu gibt. Wieder diese vergangenen Momente, welche einem plötzlich einfallen und man sich fragt wieso.
Ich gehe runter auf den Vorplatz des Berliner Platz, vorbei an der Post, die meiner Meinung nach schon immer hier war. Rechts daneben der Juwelierladen, der ebenfalls auch schon immer hier gewesen sein muss. Wie hält sich so etwas, frage ich mich. Geldwäsche? Schmuck-Partys? Keine Ahnung - unterstellen will ich hier nichts. Es gibt ja auch Imbisse mit Döner für 1,50€…

Wenige Menschen unterwegs

Nach wenigen Metern komme ich zu meiner alten Schule. Astrid Lindgren Schule Schwerin. Rot. Welch bunter Fleck in dieser Wüste. Der Pausenhof wirkt lustiger weise genauso groß, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Der kleinere Hof, oh Gott, da war die Einschulung. Das weiß ich noch. Ich laufe einmal um den Komplex herum, vorbei an der Sporthalle, vorbei am hinteren Pausenhof, an den ich mich irgendwie gar nicht mehr erinnern kann, vorbei am - für mich - neuen Haupteingang.
Hinter der Schule sind wieder Wohnblöcke, aber diese sind zurückgebaut, verkleinert, viel Grün. Völlig anders. Kurzum: schon schön irgendwie. Daneben ein Supermarkt. Wenn eine Sache in Deutschland läuft, dann sind das Supermärkte mit Spitzdach.

Wenn eine Sache in Deutschland läuft, dann sind das Supermärkte mit Spitzdach.

Astrid Lindgren Schule Schwerin

Ich gehe wieder zurück Richtung Wohnblock und Auto. Vorbei an der alten Eisdiele, die jetzt ein Stadtteiltreff ist, vorbei an der Sparkasse, vorbei an einem Supermarkt, den es damals schon gab, vorbei am Spielplatz, der plötzlich so klein und mickrig wirkt. Früher war das eine Riesenfläche mit einem riesen Klettergerüst. Aber vielleicht waren wir auch einfach nur winzig.

Früher eine Eisdiele

Ich entschließe mich doch nicht direkt zum Auto zurückzukehren, sondern zu Fuß, vielleicht 50 Meter, weiter in den Großen Dreesch hinein zu laufen. Dreesch III. Dritter Bauabschnitt. Es ist nur eine Brücke über eine zweispurige Straße, die man hierfür überquert, aber ich fühle mich plötzlich in einem anderen Viertel. Obwohl es doch gleich aussieht. Warum? Das weiß ich nicht.

Das Wort “Kinderarmutsland” kommt in meinem Kopf. Es gibt eine Reportage vom NDR über “die hungrigen Kinder von Schwerin”. Es gibt eine Statistik, die besagt, dass Schwerin den höchsten prozentualen Anteil (2009) an armen Kindern hat. Es ist hart, aber man glaubt es hier sofort.

Vor mir ist eine Skaterbahn. Aber niemand ist da. Es haben doch alle frei denke ich mir, aber vielleicht ist es auch einfach zu früh. Daneben ein Basketballkorb, dahinter ein kleines Rondell zum Sitzen. Nachts brennen hier bestimmt die Tonnen und es wird zu Haddaway getanzt. Das Klischeedenken beginnt. Kids 2.

Statt weiter in das Viertel reinzulaufen, beschließe ich einen Abstecher runter nach Zippendorf zu machen. Ein Viertel, welches zusammen mit dem Großen Dreesch und Mueß, zum Stadtteil Dreesch gehört. Hinunter den als Kind viel zu steilen Berg, über die große Straße und plötzlich ist man wieder in einer anderen Welt. Reetgedeckte Häuser, grüne Höfe, am Ende der Straße der Schweriner See. Es sind doch gefühlt nur 300 Meter Luftlinie und trotzdem offenbart sich für den Außenstehenden, als den ich mich mittlerweile Teilweise bezeichne, eine völlig andere Stadt.

Zippendorf

Ich gehe ein paar Meter am Strand, und steuere von der anderen Seite zurück Richtung Schule. Von dort laufe ich den Weg entlang, den ich als Kind immer nach Hause gelaufen bin. Ich erinnere mich, als ich einmal Sonnenbrand auf den Schultern hatte und der mit Zahlen und Buchstaben bedruckte Scout-Ranzen auf den Schultern schmerzte.
Wieder eines dieser Erinnerungen, bei denen ich mich Frage, wieso ausgerechnet so etwas hängen bleibt.

Zurück am Auto fahre ich los und manövriere weiter hinein in den Großen Dreesch. Obwohl 8 Jahre hier gelebt, hatte man als Kind scheinbar doch einen eher begrenzten Aktionsradius. Fahre vorbei an meiner alten Kinderärztin, vorbei beim Asia-Imbiss an der Haltestelle Hegelstraße, der glaube ich schon immer hier ist und sehe plötzlich rechts durch die Blöcke einen Schuttberg durchschimmern. Ich entschließe mich einzubiegen.

Keine Menschen in Sicht. Nirgendwo. Ich fühle mich an Rainald Grebe erinnert “da stehen 3 Nazis auf dem Hügel und finden keinen zum Verprügeln”, völlig deplatzierte Gedankensprünge. Kann ich nichts für, das muss der Situation geschuldet sein. Diesem Unwirklichen.  Auf einer kargen Wiese steht plötzlich ein blauer Stuhl. Darauf sitzt ein Afrikaner, Flüchtling, Deutscher. Ich weiß es nicht. Es ist auch egal. Es wirkt nur skurril mit diesen Gedanken von eben.

Wer ist der Nächste

Ich halte am Schuttberg an. Ja, das ist die Zukunft hier hinten. Abreißen. Verkleinern. Der Blick schweift. Welcher Block wird der nächste sein? Ich laufe etwas weiter durch die Blöcke. 2 oder 3 ältere Menschen sind zu sehen. Ich stelle mir plötzlich vor, wie die ersten Instagram-Gruppen, durch diesen wahr gewordenen feuchten Traum, eines jeden Lost-Places-Urban-Fotografen führen, auf der Suche nach den besten planen Flächen zum Fotografieren. Hashtag #lit, #instagood, #bw... meine komischen Gedanken werden unterbrochen, als zwei Straßen weiter eine Zeitung über den Asphalt weht, man hört das Rascheln bis zu mir, von irgendwo kommt Neunziger-Musik aus einem Fenster. Sonst ist es einfach still.

Plötzlich: Wald - ist das schön. Der Große Dreesch, westlich gesehen, ist zu Ende. Letzter Block. Wie idyllisch. Das Ende der Zivilisation - oder der Anfang. Je nachdem, von welcher Seite man kommt.

Ich gehe zum Auto, steige ein, biege wieder auf die Hauptstraße und fahre weiter, bis ich am südlichen Ende des Großen Dreesches bin. Eine alte, verlassene Kaufhalle markiert es. Neueröffnung 2010. Es ist nicht mal jemand zum ordentlich randalieren hier gewesen. Über die Wiese daneben läuft ein Junge. Leichter Vokuhila-Ansatz. Brustbeutel. Die Sonne knallt, Jeansjacke an. Meine Gedanken denken wieder in Klischees. Gleich kommt einer um die Ecke und ruft “Cut” oder “Action - Kamera läuft. Zurück in die neunziger take-two”. Aber es ist real.

Ich laufe noch etwas entlang der daneben befindlichen Blöcke. Plötzlich öffnet sich eine Haustür. Ein Typ kommt raus. 3 große Hunde an seiner Leine. Auf einem Balkon fängt ein Hund an zu bellen. Seine beginnen ebenfalls. Halb schreiend und lallend raunzt er sie an. Ich wechsle unauffällig den Bürgersteig. Er überholt mich auf der anderen Seite und verschwindet um die Ecke im gleißenden Licht der Wiese hinter dem letzten Haus.

Sieht das so aus, wenn man stirbt? Dieses Licht da hinten? Was ist da hinten? Was kommt auf und hinter der Wiese? Was ist im Wald? Kommt der Mann zurück? Oder ist das die Stelle, an der hier alle Einwohner verschwinden und nie mehr zurückkehren?

Am Ende

Das ist nicht mehr meine Hood. Geburtenknick, das Haus auf dem Land, Umzug in den “Westen”, haben diesem Stadtteil, wie so vielen Ostdeutschen Städten, erheblich zugesetzt. Man ist ja selber mit 8 hier weg.

Ich mache noch ein Foto. In schwarz-weiß wirkt es bestimmt noch trostloser, denke ich so vor mich hin, steige ins Auto und fahre zum Zentrum. Das Zentrum, das einige Kinder hier noch nie gesehen haben, weil sie sich den Fahrschein nicht leisten können.

Eigentlich wollte ich gar nicht so lange hier rumlaufen, aber ich war dann doch auf eine Art fasziniert und bereue es irgendwie, jetzt wieder loszumüssen. Ich stelle das Auto im Parkhaus ab, laufe Richtung Schloss, es wimmelt von Touristen. Ach ist das schön und der Pfaffenteich erst mal. Die Welt wirkt hier so in Ordnung.

Ich werde wieder kommen - auf den Dreesch. Die Touristen sicherlich auch - aber die Innenstadt werden sie dabei nicht verlassen.

Der Große Dreesch

Ein visueller Rundgang. Nach den Komma-Regeln des Auges.

Andaras Hahn

etage19
Malplaquetstraße 14c
13347 Berlin